„So wenig wie möglich aus der Klasse gehen“

Schulhelfer stehen behinderten Kindern im Unterricht zur Seite, berichtet Grit Hansen aus der Praxis. Diese Bezugsperson auszuwechseln – wie der Senat es will – würde den betreuten Kindern große Probleme bereiten

taz: Frau Hansen, was macht eine Schulhelferin?

Grit Hansen:Schulhelferinnen ermöglichen die gemeinsame Erziehung von behinderten und nichtbehinderten Kindern. Sie stehen den behinderten Schülern im Unterricht zur Seite.

Auf welche Art und Weise unterstützen Sie die Schüler im Unterricht?

Das hängt immer von dem jeweiligen Kind und natürlich auch von der Schule ab. Ich bin an einer Montessori-Grundschule in Rahnsdorf tätig und betreue zwei autistische Schüler. Der Junge ist in der fünften und das Mädchen in der sechsten Klasse. Der Schulhelfer sitzt gewöhnlich neben dem Kind und hilft ihm, am Unterricht teilzunehmen. Das Ziel ist, dass man mit dem Kind so wenig wie möglich aus der Klasse gehen muss.

Wie äußern sich die Probleme autistischer Kinder im Unterricht?

Die Kinder sind oft laut, sie machen Geräusche. Oder sie ärgern Mitschüler, ohne sich dessen bewusst zu sein. Autistische Kinder lassen sich außerdem sehr leicht ablenken.

Was ist das Ziel?

Ich arbeite von Anfang an darauf hin, dass ich mich irgendwann nicht mehr die ganze Zeit neben das Kind setzen muss. Bei dem Mädchen, das ich betreue, gibt es seit fünf Jahren eine kontinuierliche Entwicklung. Inzwischen setze ich mich jede Schulstunde nur zehn Minuten neben sie.

Was machen Sie in der übrigen Zeit?

Den Rest der Zeit halte ich mich lediglich noch in ihrer Nähe irgendwo im Klassenzimmer auf. Wenn sie mich braucht, kann ich zu ihr hingehen. Aber ich versuche, das nicht zu oft zu tun – aber auch nicht zu selten. Man braucht für diese Arbeit viel Feingefühl und Erfahrung. Das Kind soll frei arbeiten können. Das Konzept bei einer Montessori-Schule ist außerdem, dass die Kinder selbst entscheiden können, welches Fach sie gerade haben.

Funktioniert das?

Eigentlich läuft das ganz gut. Meistens ist die Ausgewogenheit zwischen den einzelnen Fächern wie Mathe und Deutsch gegeben. Wenn dem nicht so ist, schreitet die Lehrerin schon mal ein.

Gibt es eine Ausbildung zum Schulhelfer?

Es gibt dafür keine Berufsausbildung im eigentlichen Sinn. Die meisten haben einen pädagogischen Background und qualifizieren sich dann weiter.

Wie muss man sich die Weiterbildung vorstellen?

Ich habe ganz einfach angefangen, indem ich den Lehrer beim Unterricht unterstützt und eng mit ihm zusammengearbeitet habe. Dann habe ich bei meinem Arbeitgeber verschiedene Weiterbildungen gemacht. Das waren unter anderem Kurse in Psychologie und Kommunikation. Natürlich gibt es auch Kurse, in denen auf die Behinderung des Kindes und die daraus entstehenden Bedürfnisse eingegangen wird.

Haben Sie vorher eine pädagogische Ausbildung gemacht?

Nein, ich bin Diplomchemikerin.

Das ist aber eher ungewöhnlich.

Na ja, mein Sohn ist Autist. Als ich eine Schule für ihn gesucht habe, wurde ich von einer Ambulanzlehrerin darauf angesprochen, ob ich nicht eine Tätigkeit als Schulhelferin aufnehmen möchte.

Betreuen Sie Ihren Sohn in der Schule?

Nein, mein Sohn ist in einem Hortprojekt, in dem es keine Schulhelfer gibt. Er ist 18 Jahre alt und schließt die Schule bald ab. Ich suche gerade eine geeignete Werkstatt, in der er ab August arbeiten kann.

Können Sie beobachten, dass der integrative Unterricht Ihren Schützlingen hilft?

Auf jeden Fall. Das Mädchen, das ich betreue, ist gut in die Klasse integriert.

Die Kinder sehen Sie sicher auch als Bezugsperson an. Wäre es da ein Problem, wenn Sie durch eine andere Person ersetzt werden würden?

Sicher wäre das ein Problem. Ein Beispiel aus unserem Schulalltag: Es gibt bei uns auch sogenannte Integrationsstunden, in denen ein neuer oder anderer Lehrer kommt. Allein darauf reagieren die Kinder entsprechend genervt. Da können Sie sich ja vorstellen, was passiert, wenn sie sich an einen neuen Schulhelfer gewöhnen sollen.

INTERVIEW: TANJA BRAUN

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