Senat streicht Geld bei den Kindern

Senat kürzt mal wieder

Rot-Rot kürzt die Stunden von Schulhelfern, die vor allem autistische Kinder betreuen, und ersetzt sie durch ungelernte Mitarbeiter aus dem Stellenpool – zum Entsetzen der betroffenen Schulen.

Nikola ist 14 Jahre alt und geht in eine Charlottenburger Sonderschule. In seiner Freizeit spielt er gerne Fußball und neuerdings auch Klavier. Sein persönlicher Höhepunkt im vergangenen Monat war aber ein Konzertbesuch in der Philharmonie. So etwas wäre früher undenkbar gewesen, denn Nikola ist Autist. Möglich gemacht wurde das dank der Betreuung durch einen Schulhelfer, der ihn beim Unterricht unterstützt. Doch damit könnte schon bald Schluss sein. Der Senat wird laut der Opposition im Parlament die insgesamt 130 vom Senat bezahlten Schulhelfer von den Schulen abziehen.

„Kinder wie Nikola können dann nicht mehr in die Schule gehen“, warnt die bildungspolitische Sprecherin der FDP, Mieke Senftleben. Auch Özcan Mutlu, ihr Kollege von den Grünen, ist beunruhigt – schließlich widerspreche das Vorgehen des Senats „allen bisherigen Beteuerungen“. Erst vor wenigen Monaten hatte der Senat auf eine kleine parlamentarische Anfrage erklärt, dass die Mittel für Schulhelfer aufgestockt werden würden.

Autistische Kinder werden in Berlin in den unterschiedlichsten Schulformen betreut, da die speziell für sie eingerichteten Schulhortprojekte nur wenige Plätze anbieten. Entsprechend der Diagnose besuchen sie deswegen normale Grundschulen, Schulen für Körper- und Schulen für geistig Behinderte. In solchen nicht auf Autismus spezialisierten Schulen benötigen sie dann jedoch Betreuer.

Doch nicht nur autistische Kinder sind von den Kürzungen betroffen. Auch Schüler mit mehrfachen Behinderungen sind auf Schulhelfer angewiesen. Sie gewährleisten, dass die Schüler regelmäßig ihre Medizin bekommen, und helfen ihnen bei der hygienischen Versorgung.

In einigen Sonderschulen wurden die Schulhelfer bereits abgezogen und durch fachfremde Mitarbeiter aus dem zentralen Personalüberhangmanagement des Senats, auch „Stellenpool“ genannt, ersetzt. Etwa an der Helene-Haeusler-Schule, einer Sonderschule für geistig Behinderte in Prenzlauer Berg. Deren Schulleiterin, Gerda Damaschke, war entsetzt über die Bewerberinnen: „Das waren zum Großteil Küchenhilfen. Nur eine von ihnen hatte überhaupt Erfahrung in der Erziehung von Kindern. Sie hatte aber auch keine entsprechende Ausbildung.“

Mit der Austauschaktion will der rot-rote Senat offenbar Geld sparen. 2004 hatte er mit dem Stellenpool eine Einrichtung geschaffen, um im öffentlichen Dienst Angestellte, deren Stellen gestrichen wurden, unterzubringen. Von der Küchenhilfe bis zur Lehrerin sind dort alle möglichen Berufssparten vertreten. Denn sie müssen bis zur Rente weiterbeschäftigt werden.

Nach dem Willen des Senats sollen Personen dem Stellenpool für die Stellen als Schulhelfer ausgewählt werden, „die diesen Aufgaben am besten entsprechen“, sagt Bernhard Kempf, Sprecher von Schulsenator Jürgen Zöllner (SPD). Eine zwei Wochen lange Probezeit diene dazu, herauszufinden, ob der- oder diejenige den Anforderungen überhaupt gewachsen ist. Zuvor sollen die Mitarbeiter in einer 20-stündigen Einweisung für die Arbeit fit gemacht werden.

Schulleiterin Damaschke und die bildungspolitischen Sprecher der Opposition bezweifeln, dass eine so kurze Weiterbildung genügt, um mit behinderten Kindern zu arbeiten. Grit Hansen arbeitet seit zwölf Jahren als Schulhelferin an einer Grundschule: „Für diese Arbeit braucht man viel Feingefühl und Erfahrung. Eine 20-stündige Qualifizierung reicht da nicht aus“, betont sie (siehe Interview).

Auch die Panke-Schule in Pankow, eine Ganztagesschule für geistig Behinderte, ist von der überraschenden Umstellung betroffen. Leiterin Emilija Fichtner hat im Januar erfahren, dass ihre Schulhelfer abgezogen werden sollen. Sie möchte das alte Modell beibehalten. „Freie Träger sind besser, da sie Schulhelfer flexibler einsetzen können.“

TANJA BRAUN

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