Frauen – selten Täter, häufig Opfer

Am Freitag wurde die Kriminalstatistik 2007 vorgestellt. Die Zahl häuslicher Gewalttaten ist in Berlin um 5,2 Prozent gestiegen. Die meisten Opfer sind Frauen

„Berlin ist nach wie vor eine der sichersten Metropolen der Welt“ urteilte Innensenatssprecherin Nicola Rothermel bei der gestrigen Vorstellung der polizeilichen Kriminalitätsstatistik für 2007. Die Kriminalitätsrate blieb gegenüber dem Vorjahr nahezu gleich, die Zahl der Delikte sank 2007 um 0,1 Prozent auf 496.163, dagegen stieg die Aufklärungsquote um 0,2 Prozentpunkte auf 50,4 Prozent.

Für die Frauen in der Stadt bedeutet die Statistik vor allem eins: Sie sind nach wie vor öfter Opfer als Täterinnen. 2007 wurden 31.453 Frauen Opfer von Straftaten. Damit sind 38,4 Prozent aller Opfer von Straftaten in Berlin weiblich. Betroffen sind sie vor allem von Gewalt in Familie und Partnerschaft. Die Zahl häuslicher Gewalttaten stieg um 5,6 Prozent. Diese Zunahme dürfte an der gestiegenen Anzeigebereitschaft der Frauen liegen. „Die Dunkelziffer ist nach wie vor hoch“, beobachtet Irma Leisle von der Telefonhotline B.I.G. „Aber die Frauen holen schneller und früher Hilfe als früher“. Seit 1999 nutzen geschlagene und misshandelte Frauen die Möglichkeit, sich unter der Nummer 6110300 beraten zu lassen: Im Jahr 2000 waren es noch 2.500, 2002 bereits 6.000. 2007 nutzten 7.300 Anruferinnen die Hotline. Den Anstieg führt Leisle vor allem auf die größere öffentliche Präsenz des Themas häusliche Gewalt zurück, vor allem auf das Gewaltschutzgesetz von 2002: „Die Frauen wissen das Gesetz auf ihrer Seite und sie kennen die Hilfsangebote.“ Unter den Anruferinnen seien immer mehr junge Frauen, die frühzeitig einen Ausweg suchten. „Der Regelfall ist nicht mehr der Anruf nach 20 Ehejahren.“

Obwohl häusliche Gewalt in den allermeisten Fällen von Männern ausgeht, gibt es auch Frauen, die zu Hause selbst handgreiflich werden. Die Polizeistatistik zeigt an, dass von 8075 Opfern häuslicher Gewalt 6035 Frauen waren, das entspricht 71,6 Prozent. Dementsprechend sind unter den Opfern Kinder und andere Männer. Vie viele Frauen dabei Täterinnen sind, ist nicht bekannt. Berlins einziges Männerhaus bietet nur Platz für drei bis fünf Männer, die zu Hause körperlichen oder psychischen Angriffen ausgesetzt sind. Es gebe aber Hunderte, die von ihren Partnerinnen geschlagen oder misshandelt werden, vermutet die Männerberatung in der Wollankstraße. Doch hier sei die Dunkelziffer enorm hoch: Nur etwa 20 geschlagene Männer im Jahr trauten sich in die Beratungsstelle – die meisten von ihnen Akademiker. Weniger Gebildete empfänden es als Schmach, sich nicht gegen eine Frau durchsetzen zu können. Zum Glück müssen sie dafür nur sehr selten mit dem Leben bezahlen: Zur Waffe greifen Frauen bei körperlichen Auseinandersetzungen fast nie.

Die Polizeistatistik meldet, dass der Anteil tatverdächtiger Frauen im Vergleich zum Vorjahr um 3,1 Prozent gestiegen war. 25 Prozent aller Tatverdächtigen waren weiblich. Am häufigsten wurden Frauen des Vortäuschens einer „Straftat gegen die sexuelle Selbstbestimmung“ überführt: Sie bezichtigten etwa fälschlicherweise Männer der Vergewaltigung, des Kindesmißbrauchs und der Zuhälterei.

Frauen wurden häufig wegen Verletzung der Fürsorge- oder Erziehungspflicht angeklagt, ihr Anteil betrug dabei 73,6 Prozent. Auch beim Menschenhandel zur Ausbeutung der Arbeitskraft spielten Frauen mit 55,8 Prozent eine große Rolle. Auch unter den unter 21-jährigen Kriminellen war der Frauenanteil mit 26,6 Prozent etwas höher als im Gesamtbild. Die häufigsten Straftaten waren Ladendiebstahl, Körperverletzung und die Beförderungserschleichung, also Schwarzfahren. Besonders selten verübten junge Frauen Raub-, und Rauschgiftdelikte sowie bei Sachbeschädigungen: Bei Raubüberfällen liegt ihr Anteil gerade mal bei 0,8 Prozent. Bemerkenswert ist, dass alle 147 Tatverdächtigen des Raubüberfalls auf Drogerie- und Lebensmittelmärkte unter 21 Jahren männlich waren.

Weniger Brutalität und Zerstörungswut, dafür mehr Gewalt gegen Sachen und berechnende Taten. Dieses Bild weiblicher Kriminalität bestätigt Silvia Rentmeister von der Streetwork-Organisation „Gangway“. „Auf zehn Jungs, die wegen Körperverletzung verurteilt werden, kommt ein Mädchen“. Mädchen führten die Taten selten selbst aus. Trotzdem beobachtet die Sozialarbeiterin ein gestiegenes Gewaltpotenzial: „Die Hemmung zum Zuschlagen ist gesunken, in gemischten Gruppen versuchen Mädchen durch Brutalität Anerkennung zu gewinnen.“ Mehr Sorgen macht Rentmeister allerdings ein anderes Phänomen: Mobbing, das sich in Schulhöfen und Cliquen ausbreitet. „In übler Nachrede und im Gerüchte-Streuensind Mädchen leider spitze“.

TANJA BRAUN

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