Alte Migranten allein zu Haus

Altenhilfe für Migranten gibt es in Berlin bislang kaum. Ein Neuköllner Projekt will helfen, dass sich ältere Deutsche und Migranten einander annähern. Doch Skepsis und Unwissenheit wiegen schwer

Für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund gibt es in Berlin zahlreiche Angebote. Auch Arbeitsuchende können auf viele Organisationen zurückgreifen, die sie tatkräftig bei der Bewerbung und der Suche nach einer neuen Arbeitsstelle unterstützen. Bei den Senioren sieht die Sache aber ganz anders aus. Der Neuköllner Sozialstadtrat Michael Büge (CDU) urteilt hierzu: „Die Senioren mit Migrationshintergrund sind weitgehend sich selbst überlassen, Angebote für diese Gruppe fehlen.“

Das Bild der Migranten, die in traditionelle Großfamilien eingebunden sind, ist noch weit verbreitet. Allerdings existieren diese schon lange nicht mehr. Die Kinder von Migranten gehen heutzutage genauso ihre eigenen Wege wie ihre deutschen Altersgenossen. Zurück bleiben Senioren, die die deutsche Sprache nicht beherrschen und deshalb nur begrenzt Hilfe einfordern können. Gruppen wie die Caritas, die Neuköllner Seniorenvertretung und der Sozialausschuss wollen das nun ändern. Unter der Leitung von Sozialstadtrat Büge haben sie sich zusammengetan. Der Fachbegriff für ihre Arbeit: kultursensible Altenhilfe.

In Neukölln mit seinem hohen Ausländeranteil wollen sie ihre Hilfe für ältere Migranten anbieten. Altun Aktürk arbeitet als eine von zwei Migranten in der Neuköllner Seniorenvertretung. Sie lebt seit 1970 in Deutschland und hatte durch ihre Tochter von der Seniorenvertretung erfahren: „Ältere türkische Menschen bleiben allein zu Hause. Da sie nicht richtig Deutsch sprechen können, ziehen sie sich zurück.“ Diese Isolation wollen die ehrenamtlichen Mitarbeiter nun aufbrechen und den Menschen ihre Hilfe nahebringen.

Aktürk betont, dass Migranten oftmals keine Möglichkeit hatten, Deutsch zu lernen. „Die Akkordarbeiter in Deutschland bekamen Dolmetscher zur Seite gestellt. Außerdem zogen alle nach Kreuzberg, weil dort die Wohnungen billig waren und man sich kannte“, sagt Aktürk.

Noch ist nicht ganz klar, wie die kultursensible Altenhilfe aussehen soll, welche Angebote die alten Menschen wünschen und wie man sie erreichen kann. Ulrika Zabel von der Caritas sagt hierzu: „Die Altenhilfe für Migranten ist neu, da gibt es keine Vorbilder. Wir leisten hier Pionierarbeit.“

Ihre Erfahrungen geben Anlass zur Hoffnung – auch wenn es oft nur kleine Fortschritte gibt: „Auch im Haus des Älteren Bürgers finden Begegnungen statt. 2006 gab es dort die ersten Veranstaltungen. Anfangs saßen die beiden Gruppen noch getrennt voneinander, langsam wird es aber besser“, erklärt Zabel. Allerdings kosten solche Projekte Geld, und das fehlt Berlin.

„Wir fühlen uns vom Bund in dem Punkt allein gelassen. Uns werden keine Gelder für die Seniorenvertretung bereitgestellt. Das hier ist alles ehrenamtliche Mitarbeit“, klagt Sozialstadtrat Büge. Trotzdem werden sie weiterhin versuchen, die älteren Mitbürger zu erreichen.

Ab 1. März bekommt die Seniorenvertretung einen Raum im Rathaus Neukölln, den sie zur Beratung nutzen wird. Sie wollen die Migranten erreichen, indem sie gezielt ältere Migranten auf der Straße ansprechen und Flyer verteilen. „Wir doktern hier an den Symptomen herum“, so Büges Fazit. „Wir haben keine Möglichkeit, vierzig Jahre nicht so positiv gelaufene Integrationspolitik zu ändern.“

TANJA BRAUN

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