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Teenage Lust

In meinem Artikel zu Helmut Newton hatte ich ja schon erwähnt, dass ich das c/o Berlin, ein Ausstellungshaus für Fotografie, sehr gern mag. Vor kurzem wurde eine Ausstellung ziemlich spektakulär mit diesem Riesenposter angekündigt:

c/o Berlin

Spon nennt das Schamdreieck – sehr lustiger Name, der wunderbar zum hochgestochenen Ton des gesamten Artikels passt.

Als ich das Poster zum ersten Mal sah, fiel mir lediglich ein: „Nackich – kenn‘ ich!“ und ich dachte, dass mich das nicht so wahnsinnig interessiert. Bis ich auf diesen Artikel im Mutterseelenalleinerziehend-Blog „Larry Clark im C/O Berlin – eine wütende „Kunst“kritik aufmerksam wurde. Oh – ein Skandal! Die Dame echauffiert sich dermaßen, dass ich mir vorgenommen hatte, so schnell wie möglich in die Fotoausstellung zu gehen. Vielleicht muss ich dazu auch noch sagen, dass ich ein sehr großer USA-Fan bin, vor allem der sechziger Jahre. Die Fotos von Larry Clark aus der Reihe „Tulsa“ sind aus dieser Zeit und weckten mein Interesse dann doch. Also sechziger Jahre, weil mir die revolutionäre Stimmung von damals gefällt und das Gefühl, dass man die Gesellschaft verändern und etwas bewegen kann (natürlich auch die Musik usw.). Nicht Drogen und jeder-pimpert-mit-jedem, damit habe ich nichts am Hut.

Beim Thema Drogen sind wir auch schon bei den Fotografien Clarks. Auf den Fotos sind Teenager beim Drogenkonsum zu sehen, mit Spritzen im Arm, meist nackt, beim Sex, mit Waffen herumspielend, im Matsch. Sie sehen immer jung, gesund und sehr schön aus – selbst wenn sie gerade eine Nadel im Arm stecken haben. Zeit online zeigt einige der Fotos aus den Reihen „Tulsa“, „Teenage Lust“ und spätere Arbeiten:  www.zeit.de/kultur/kunst/2012-04/fs-larry-clark

Die Autorin des oben erwähnten Blogs schreibt, dass von Vergewaltigungen die Rede sei – das ist richtig, es ist die Rede davon, man sieht nicht wirklich eine. Man sieht nur, wie mehrere Menschen miteinander Sex haben. Dann spricht sie vom Foto eines toten Babys in einem Sarg, das einen ins Mark treffe. Ich muss sagen, dass mich das Foto nicht erschüttert hat. Klar, da ist ein totes Baby im Sarg zu sehen, aber es liegt dort nicht blutüberströmt oder so, sondern sieht sehr friedlich aus. Larry Clark kommentiert dieses Foto – wie viele andere – nicht. Ich fasse die Fotos aus dieser Reihe als Dokumente einer Zeit, seiner Jugend auf. Darauf weist auch der Name „Tulsa“ hin, da Clark dort geboren und aufgewachsen ist.

c/o Berlin

Im zweiten Stock sind spätere Fotos ausgestellt: Hier wollte Clark anscheinend die aufkommende Idolisierung mancher Teeniestars kritisieren, auf jeden Fall beschäftigt er sich sehr viel mit Bravo-ähnlichen Ausschnitten und Posterboys. Außerdem sind Fotos und Zeitungsartikel von Mordfällen zu sehen – eine ältere Frau, die einen Teenager, mit dem sie ein Verhältnis hatte, zum Mord am Ehemann angestiftet hat. Es gibt Fernseher, in denen Talkshows aus – schätzungsweise – den achtzigern oder frühen neunziger Jahren laufen: In der einen beschreibt ein Jugendlicher, der vergewaltigt wurde, wie das passierte. Er legt sich dazu auf den Boden und der Talkmaster und ein anderer Gast beugen sich über ihn, um die Vergewaltigungsszene nach zu spielen. Sie lachen, die anderen Gäste lachen. Bei der Szene war ich nun vollkommen entsetzt. Das muss für den jungen Mann doch vollkommen traumatisch gewesen sein und offensichtlich wusste er überhaupt nicht, was er tat. Journalisten, die sich so etwas einfallen lassen – mir fehlen die Worte!

Nun könnte man einwenden, Larry Clark hätte einfach Fotos zu einem gewissen Sujet zusammengesucht, plus Zeitungsartikel und Fernsehsendungen – alles zusammen-
stellen, sagen, es sei Kunst – fertig ist die Provokation und die Aufmerksamkeit damit garantiert! Nur nehme ich ihm ab, dass er mit seinen Bildern kritisiert, was die Protagonisten tun.

Meiner Meinung nach will er zeigen, wie dekadent, wie selbstverachtend und gelangweilt diese Jugend war/ist. Zeigen, dass sie gar nichts besonderes daran finden, mit Waffen zu spielen, da sie damit aufgewachsen sind. Waffen sind für sie so etwas Natürliches, dass sie auch gar nichts dabei finden, diese Waffen auf Freunde zu richten. Sie nehmen Drogen und können nichts schlimmes dabei sehen, da sie sich selbst nicht achten, genauso wie ihre Geschlechtspartner, die sie manchmal genauso schlecht behandeln wie ihre eigenen Körper.

Ja, Larry Clark will unsere dysfunktionaleGesellschaft zeigen, die moralische Verantwortung hinterfragen – für mich ist das seine eindeutige Botschaft, ich finde seine Arbeit gut. Ich weiß nicht, ob das wirklich die Intention Clarks war oder ob ich da zu viel hineininterpretiere. Das Wichtige ist doch, dass es in meinem Fall wunderbar funktioniert, ich die moralische Verantwortung der Gesellschaft hinterfrage. Ich seine Arbeit wichtig finde, da sie Missstände aufzeigt.

Manche Menschen mögen sich bei der Ausstellung Larry Clarks in ihrem moralischen Empfinden verletzt fühlen, aber das ist bei einer provokanten Herangehensweise immer gegeben. Aber es ist eben seine Herangehensweise an die Dinge. Vielleicht ist er nur zufällig dazu gekommen, weil er im ersten Moment erst mal drauflos klickte. Aber die Intention ist doch sicher nicht die, das alles nun zu verherrlichen. Das Mindeste, was man ihm zugestehen muss, ist, dass er eine Zeit, eine Jugend festhält. Dass er in den späteren Arbeiten gewisse menschliche Abgründe dokumentiert, die in der Gesellschaft nun mal vorkommen. Dabei weiß ich beim besten Willen nicht, warum man sich so aufregen muss. Vielleicht sollten sich Menschen, die bei etwas krasseren Fotografien halb in Ohnmacht fallen, vorher über die Ausstellung informieren, in die sie gehen.

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