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A tortura

Tortura, a {f} (portug.): Folter, Quälerei

Schon seit Jahren will ich portugiesisch lernen. Nach einem Portugalurlaub war ich von dem Land so angetan (und von einem dort lebenden Animateur), dass ich für einen Sommer an die Algarve zog und dort in einem Restaurant kellnerte. Da das „Hellmann’s“ aber einem Schweden gehörte und dort auch nur Schweden und Engländer arbeiteten, sprach ich nur englisch. Zum Essen verirrten sich nur sehr selten Portugiesen zu uns, und wenn waren sie relativ irritiert, weil wirklich fast keine von uns Bedienungen portugiesisch konnte. Als ich zurück in München war, hatte sich das mit dem Freund bald erledigt, portugiesisch vergaß ich allerdings nie. Das hatte auch damit zu tun, dass zu der Zeit der Wim Wenders-Film „Lisbon Story“ (die Älteren werden sich erinnern) und vor allem die darin vorkommende Band Madredeus sehr erfolgreich war. Also besuchte ich VHS-Kurse, die zu langsam, Sprachkurse in Lissabon, die zu kurz und zu chaotisch, und Uni-Kurse, die zeitlich ungelegen waren.

Letztes Jahr wollte ich die Sache noch einmal angehen und nahm mir vor, nicht aufzuhören, bevor ich diese Sprache fließend sprechen konnte. Ich schrieb mich deshalb an der Uni für portugiesisch ein und ging hochmotiviert in den Kurs. Anfangs hatte ich auch ein sehr gutes Gefühl – schließlich konnte ich ja schon ein paar Brocken sagen und kannte einen Teil der Grammatik bereits. Aber der Spaß hatte ziemlich schnell ein Ende, als ich merkte, dass die meisten im Kurs Spanisch-Hauptfächler sind, die einfach in spanisch drauflos plapperten und damit ziemlich gut durchkamen. Die, die kein spanisch konnten (wir waren nur zu zweit), hatten ziemlich schnell Probleme, bei den Konversationsrunden mitzuhalten.

Dazu kam, dass das Unterrichtskonzept schnell anstrengend wurde: Man muss sich in diesem Kurs ständig irgendwelche Geschichten ausdenken, sie aufschreiben und dann aber frei vortragen – auf seine Unterlagen schauen, ist verboten! Die anderen Studenten müssen sich dann zur ausgedachten Geschichte spontan Fragen ausdenken und der Geschichtenerzähler muss für diese Fragen spontan irgendwelche Antworten erfinden. Wenn Ihr jetzt denkt „hä?“, sage ich: „genau – hä!“ Warum irgendwelche langweilige Grammatik pauken, wenn man doch wunderbare Geschichten erfinden und seiner Kreativität freien Lauf lassen kann?

Dieser kreatives-Schreiben-Wettbewerb wurde für mich zur Folter: Zunächst wurden Märchen abgearbeitet. Das ging dann soweit, dass ein Student das komplette Rotkäppchen ins Portugiesische übersetzt hatte und selbiges mit seinem deutschen Akzent vortrug. Was da der Lerneffekt für die anderen Teilnehmer sein soll – ich habe keine Ahnung. Dann gab es ein Puppentheater, weil einer der Studenten Puppentheater für Kinder in anderen Ländern macht. Ähm, ich bin kein Kind. Dann kamen irgendwelche Geschichten mit Prinzessinnen, die in irgendeinem Feuer umkamen. Ich fragte mich jedes Mal, in welchem Kindergarten ich da gelandet bin.

Als wir Referate halten mussten, erfand eine Gruppe einen brasilianischen Dialog, in dem sie Touristen spielten, die das Land bereisten. Mein Fremdschämkontigent wurde an diesem Tag für die nächsten zwei Jahre komplett ausgeschöpft. Bei diesem Vortrag spielten diese Studentinnen natürlich auch den Karneval in Rio nach, was dazu führte, dass sie sich selbstgemachte Ketten aus Gemüse und Früchten umhingen und im Minirock ihr Hinterteil zu Sambarhythmen mehr oder weniger im Takt schaukeln ließen. Okay, Respekt. Das wäre mir zu dem Punkt „Fremdsprachen effektiv erlernen“ jetzt nicht so direkt eingefallen. Abgesehen davon würde ich so etwas noch nicht mal für Geld machen, aber ich dachte ja auch, wir sollten portugiesisch lernen.

Als das überstanden war, starteten wir im neuen Semester mit dem Thema „Superhelden“. Zuerst war ich ganz froh, weil wir mal einen Artikel aus einer portugiesischen Zeitung bekamen, was sprachlich hohes Niveau und vielleicht auch eine interessante Lektüre versprach. Der Artikel war auch okay, es ging um Batman und dass er als einziger der Superhelden keine Superkräfte besäße. Als Hausaufgabe mussten wir dann aufschreiben, welchen der Superhelden wir am liebsten hätten. Eigentlich ja ein schönes Thema, quasi ein Lichtblick. Dummerweise sind Superhelden so gar nicht mein Metier, ich kann ja schon kaum Bat- und Superman auseinanderhalten. Also musste ich mir erst einmal ein Comic-Basiswissen draufschaffen. Natürlich auf Deutsch.

Nach diesem Ausflug in die Welt starker Männer in lächerlichen Kostümen lasen wir einen Artikel darüber, dass in Sibirien eine Art Las Vegas gebaut werden soll, was natürlich nicht uninteressant ist. Aber die Hausaufgabe bestand darin, dass wir uns ausdenken sollten, was es denn Utopisches in Berlin geben könnte – dass es beispielsweise am Meer läge. Wahrscheinlich habe ich einfach zu wenig Fantasie, aber ich hatte keine Ahnung, was ich mir ausdenken sollte. Mittlerweile bin ich aber etwas schlauer geworden und habe den Ratschlag von Windows beherzigt, den ich anlässlich eines Problemes mit der WLAN-Verbindung bekam und fragte einen Freund, ob ihm zu diesem Thema etwas einfalle, was auch der Fall war.

Also trumpfte ich in der nächsten Portugiesischstunde damit auf, unsere Hauptstadt mit Hologrammen an historischen Orten auszustatten und Zeitreisen-Tore zu bauen. Eine klasse Idee, fand ich. Leider hat sie keinen der Anwesenden so richtig vom Hocker gehauen. Vielleicht sollte ich mir das mit dem Minirock und den Früchten doch einmal durch den Kopf gehen lassen.

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3 Kommentare zu “A tortura

  1. Naja, wenn Du schon soweit bist, dann kannst Du doch eigentlich auf Kurse verzichten und eher was in Richtung Tandem machen…

    Oder mal sehen, ob es portugiesisch-brasilianische Stammtische gibt
    http://www.internations.org/berlin-expats/portuguese

  2. Danke für den Link, das sieht ganz gut aus. Ich hätte die Sprache gerne strukturiert gelernt – die Grammatik einmal komplett durch, ergänzt durch sinnvolle Übungen. Momentan bin ich, was portugiesisch betrifft, etwas demotiviert.

  3. […] wir zu meinem Leidwesen schon wieder konfrontiert wurden – der aufmerksame Leser erinnert sich an die utopischen Szenarien, die wir im Portugiesischunterricht des letzten Semesters entwickeln […]

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